Nach meiner Ankunft in Sydney und den ersten Tagen in der größten Stadt Australiens, in denen ich mich vor allem den bekanntesten Sehenswürdigkeiten und meiner persönlichen Zeitumstellung widmete, machte ich mich recht bald auf den Weg in Richtung Süden. Zwölf Stunden lang fuhr der Nachtbus von Sydney nach Melbourne – eine Strecke, die auf jeder Karte absolut mickrig erscheint. Langsam bekomme ich  ein Gefühl für die immense, unbegreifbare Größe und Weite dieses Kontinents. Die Fahrt an sich war dank meines aufgestauten Schlafbedürfnisses sogar recht entspannend und gefühlt fix vorbei. Um 05:30 morgens erwachte ich mit dem Ausblick auf die für mich überraschend große Skyline Melbournes.

Melbourne

Die Geschichte Melbournes und Sydneys ist vor allem die Geschichte ihrer Rivalität. Sydney hat eine Skyline? Melbourne braucht eine mindestens ebenso große! Die Olympischen Spiele fanden 1956 in Melbourne statt? Sydney richtete sie im Jahr 2000 aus. Sydney hat eine weltbekannte Harbour Bridge? Melbourne braucht auch eine Brücke über die Hafeneinfahrt der Stadt, auch wenn ein Tunnel die deutlich günstigerer Alternative gewesen wäre. Vermutlich wird in Sydney demnächst das gesamte ÖPNV-System der Stadt kostenlos sein – in Melbourne kann man seit dem 1. Januar 2015 alle Straßenbahnen im Stadtzentrum umsonst nutzen.

Letzteres wusste ich leider nicht bei meiner Ankunft und so bewältigte ich die ganzen 2,5 Kilometer vom Busbahnhof zum Hostel mit beiden Rucksäcken zu Fuß. Das war aber nicht weiter schlimm, konnte ich doch auf diese Weise erste Eindrücke sammeln: Zwischen all den Wolkenkratzern finden sich immer Gebäude in feinster viktorianischer Kolonialarchitektur. Es hätte mich nicht verwundert, wären britische Offiziere in Tropenuniformen aus längst vergangenen Zeiten Coffee-to-go-trinkend durch die Stadt spaziert. Insgesamt erschien mir Melbourne im Vergleich zu Sydney nicht ganz so abgehoben, steril und fast schon elitär. Vermutlich deshalb ist die Hauptstadt Victorias auch die Hipsterstadt schlechthin in Australien. Nette Bars mit Livemusik und eine lebendige Kaffee- und Cupcake-Kultur inklusive.

Das Hostel war nicht allzu schwer zu finden, ich musste immer nur dem Cannabis-Geruch folgen. Von 8:00 Uhr morgens bis tief in die Nacht fanden sich immer ein oder zwei Marihuana-Afficionados im Raucherbereich. Auch in allen anderen Bereichen entsprach das Hostel absolut meinen Klischeevorstellungen: Dutzende Work-and-Traveller aus Europa, die den ganzen Tag nichts von Australien sahen außer einem Fernseher, an dem sie stundenlang FIFA 15 spielten, Bier tranken und kifften, sowie wackelige Treppen, wenige Duschen und Doppelstockbetten, die sich auch prima als Erdbebensimulatoren in Japan gemacht hätten. Mit gefiel es ganz ausgezeichnet.

Noch ein wenig müde und unter dem Jetlag leidend brachte ich an meinem ersten Tag in Melbourne dann nicht viel mehr zustande als einzukaufen, mich für eine kostenlose Bike Tour und einen Tagesausflug zur Great Ocean Road anzumelden und rumzudösen.

Bei der Radtour am nächsten Tag wurde es richtig heiß, bis zu 35 Grad im Schatten, und ohne jede Wolke am Himmel. Die Tour führte uns einmal durch die Stadt bis hin zu den Docklands, die ähnlich der Hamburger Hafen City zu einem modernen Stadtviertel umgebaut werden. Mit vielen neuen Gebäuden, die alle irgendwie neumodisch und bei aller versuchter Individualität doch recht gleich aussehen. Keine fünf Minuten nachdem wir mit den Rädern wieder am Hostel angekommen waren, begann es in Strömen zu regnen. Nahezu sofort wurde es auch 15 Grad kühler. So hatte ich mir den australischen Sommer nicht vorgestellt, zumal sich das kühle, diesige und immer wieder regnerische Wetter seit mittlerweile vier Tagen nicht wirklich geändert hat.

Nichtsdestotrotz: Ich liebe Melbourne. An meinem letzten Tag habe ich noch mit einer Mitreisenden einen Spaziergang zum Formel 1.Kurs der Stadt unternommen. Und wow war das langweilig. Wie der gesamte Sport an sich. Und der Park, in dem die Rennstrecke verläuft, ist so ziemlich der hässlichste Park den ich in Melbourne gesehen habe. Glücklicherweise waren wir nur kurz da.

Great Ocean Road

Deutlich länger hingegen hätte die geführte Kleinbustour zur Great Ocean Road Tour an der Küste südwestlich von Melbourne dauern können. Früh am Morgen wurde ich mit zwei anderen – selbstverständlich deutschen – Mitreisenden am Hostel abgeholt. Nachdem die gesamte 20-köpfige Reisegruppe beisammen war ging es ab auf die Autobahn und knappe zwei Stunden später an die Küste. Dort hatten Arbeiter nach dem 1. Weltkrieg zwölf Jahre lang eine Straße gebaut, die die entfernten Ortschaften der zerklüfteten Küste miteinander verband. Und sie haben nebenbei eine der amtemberaubendsten Straßen geschaffen, die ich jemals gesehen habe.

Sie schlängelt sich einige Dutzend Meter über dem Meer entlang der Steilküste und durch den Regenwald von Surfstrand zu Surfstrand. Kein Wunder, dass so viel los war auf den Straßen und den an den wirklich bezaubernd schönen Stränden – und das trotz des diesigen und kühlen Regenwetters. Nachdem wir am Straßenrand wilde Koalas und einheimische Vögel bestaunt hatten folgte unsere Mittagspause am Cape Otway Lighthouse. Das im Tourpreis inbegriffene Essen war zwar nicht so der Hammer, doch der am längsten genutzte Leuchtturm Australiens und der Gedanke daran, dass südlich dieser Küste nur noch die Antarktis liegt, entschädigten dafür.

 Durch den Regenwald ging es weiter in Richtung Westen zu den – nach Uluru – am zweitmeisten fotografierten Steinen Australliens, den Twelve Apostels. Entsprechend voll war es auch auf dem Parkplatz, im Besucherzentrum und vor allem entlang der Aussichtspunkte auf diese neun Felsstelen, die mitten am Strand stehen und wirklich beeindruckend aussehen (ja, es sind tatsächlich nur neun Felsen, mit der Zahl hätte man wohl aber nicht so viel Werbung machen können – und außerdem entstehen auch heute noch neue Stelen, vielleicht sind es ja irgendwann wirklich einmal zwölf?).

Allerdings war diese Steinformation immer noch nicht mein persönliches Tour-Highlight. Nur wenige Kilometer von den Aposteln entfernt befindet sich die Loch Ard Gorge, eine Bucht, wie eine Schlucht tief in die Felsenküste hineinreichend mit perfekt abgestimmten Wasser-, Strand- und Felsfarben. So etwas schönes habe ich bisher selten in meinem Leben gesehen. Man erwartet einen solchen Ort einfach überhaupt nicht, zumal er von der Straße aus weder zu sehen noch zu erahnen ist.

Nachdem wir alle unsere Blicke von der pittoresken Schlucht losreißen konnten ging es mit dem Bus wieder zurück nach Melbourne. Anderthalb Tage später ging es dann auch von dort aus mit dem Nachtbus für mich weiter nach Canberra, in die Hauptstadt Australiens.

Canberra

Mein erster Eindruck dieser Planstadt, die gerade einmal hundert Jahre alt ist und die nur gebaut wurde, damit sich Melbourne und Sydney nicht um den Titel Hauptstadt streiten mussten, wirkte Samstag morgens um 8:00 Uhr wie ausgestorben. Und im Verlauf des Tages wurde es nicht besser – und ich glaube das lag nicht nur daran, dass ich nach der achtstündigen Fahrt im Nachtbus nicht gerade bester Laune war. Nachdem ich mein Gepäck im Hostel (das eigentlich eine Jugendherberge ist und sich auch dementsprechend anfühlt) in einem Gepäckfach gegen Geld eingeschlossen hatte (auch das habe ich bisher noch nie so erlebt). Kurzum: Ich war nicht gerade sehr tolerant für meinen ersten Eindruck der Stadt.

Ein Spaziergang ist auch sicher nicht die beste Art, die Stadt effizient kennenzulernen. Sie wurde eindeutig für Autos erdacht, geplant und gebaut. Vor allem rund um den Capital Hill, dem politischen Herz Australiens, findet man vor Unmengen an Park und Grünanlagen die Gebäude nicht. Es wirkt fast so, als hätte der Stadtplaner Walter Burley Griffin mit Beton um sich geworfen, und als dieser in der eigentlich Stadt fast aufgebraucht war, nicht mehr genug für die Regierungsgebäude über gehabt. Zu Fuß ist Canberra eine Zumutung.

Außerdem trifft man dort keine Menschenseele. So muss sich  das Outback populationsmäßig anfühlen. Allerdings ist der gemeine Canberraner dafür ausgesprochen freundliche. Jedem, der ihm begegnet wünscht er eine herzliches „Good Day!“. Das habe ich hier in Australien auch noch nicht so erlebt.Vermutlich soll der Charme der Einwohner den mangelnden Charme der Stadt ausgleichen. Bevor ich jetzt aber zu negativ werde muss ich zugeben, dass Canberra durchaus auch eine besuchbare Stadt ist, zumindest für ein oder zwei Tage.

Die Museen sind exzellent. Im alten Parlamentsgebäude, kann man wirklich alles erfahren, was man über die australische Demokratie wissen möchte. Das National Capital Center vermittelt anschaulich die Entstehungsgeschichte der Stadt und die architektonischen Ideen der Stadtplaner. Auf dem Papier sieht das auch wirklich gut aus, nur in der Realität… aber lassen wir das besser. Und auch das War Memorial beherbergt eine wirklich beeindruckende Ausstellung zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, die ich bisher so gut selten in Europa gesehen habe.

Hinter dem War Memorial führt ein 2,5 Kilometer langer steiler Wanderweg auf den Mount Ainslie, von dem aus man einen grandiosen Blick über die Stadt und ihre Sichtachsen hat. Leider war es zu diesig, um wirklich gute Fotos davon zu machen. Auf dem kurzen Wanderweg konnte ich dann auch meine ersten Eindrücke der australischen Natur sammeln: Zum einen sind die Vögel in den Wäldern unbeschreiblich laut und mitteilungsbedürftig, zum anderen sehen die Bäume recht eigenartig aus. Der Eukalyptus-Baum beispielsweise entledigt sich jedes Jahr seiner Borke, die dann in Fetzen vom Stamm hängt. Das sah für mich einfach nur bizarr aus.

Etwas Gutes hat das recht teure Hostel, das eigentlich eine Jugendherberge ist: Es ist deutlich besser ausgestattet als der Durchschnitt. Im Keller gibt es einen Swimming Pool mit angeschlossenem Whirlpool und die Küchen sind technisch auf dem neuesten Stand. Und da die Stadt geradezu dazu einlädt, selber zur Ruhe zu kommen, konnte ich endlich mal wieder Wäsche waschen und in einem riesigen 10-Bett-Zimmer die letzten Tage für euch zusammenfassen. Es ist also gar nicht so schlimm hier, wie es vom ersten Eindruck her zu erwarten war.

Nichtsdestotrotz geht es morgen für mich weiter, zunächst noch einmal für zwei Tage nach Sydney und dann über Coffs Harbour, Byron Bay und Surfers Paradise nach Brisbane. Beach life and sunshine galore. Hopefully.

Ohrwurm des Tages – Phil Ochs / „I ain’t marching anymore“

Zwei beeindruckende Kriegsdenkmäler und auch -mahnmäler in zwei Tagen haben mich so bewegt, dass ich mich in meinen wichtigen Lebensentscheidungen absolut bestätigt fühle: I ain’t marching anymore!