Meine Ankunft in Kanada glich einem Kulturschock: Direkt am Flughafen wurde ich von einer Country-Band empfangen, hilfsbereite Freiwillige mit Cowboyhüten und Karohemden standen überall bereit, um Fremden bei der Orientierung zu helfen und im Bus zur Innenstadt galt ein ermäßigter Tarif. Es war Stampede, das jährliche Event schlechthin in Calgary. Und nach eigenen Angaben die größte Outdoor-Veranstaltung der Welt.

Möglich machten diese Kombination aus Rodeo, Viehmesse und Rummelplatz hunderte Freiwillige, die mit ihrer demonstrativen Freundlichkeit einen Ausgleich dafür schufen, dass die Stadt an sich nicht ganz so viel für Touristen bietet – außer einen idealen Ausgangspunkt für die Erkundung der Rocky Mountains, die man bei gutem Wetter von der Stadt aus sehen können soll.

Calgary

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass Calgary uninteressant oder gar langweilig ist. Die Innenstadt mit ihren Wolkenkratzern sieht tatsächlich ganz nett aus, vom Calgary Tower hat man eine tolle Aussicht auf die Umgebung (und an einer Stelle auf die Straße unter dem Fußboden) und im Glenbow Museum kann man durchaus einen Nachmittag verbringen. Besonders interessant fand ich den +15 Skywalk, das mit 18 Kilometern größte Skywalk-Netz der Welt. Dabei handelt es sich um Fußgängerbrücken, die in der Innenstadt die verschiedenen Wolkenkratzer direkt im ersten Stock miteinander verbinden, sodass man keine Straße überqueren braucht, um vom einen Gebäude zum anderen zu kommen.

Grandios ist die Lage der Stadt mitten in der Natur. Um Calgary herum gibt es nichts – bis man entweder an die Ost- oder Westküste kommt. Die bereits erwähnten Rocky Mountains, der Bow River und der Prince’s Island Park lassen die Stadt ziemlich grün erscheinen. Viele Calgarians scheinen sich nicht nur während der 10 Tage der Stampede als Cowboys oder Cowgirls zu fühlen – Pickup-Trucks prägen das Stadtbild genauso wie idyllische Referenzen an die Zeiten des wahren Wilden Westens. Dass Calgary in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer größer und immer mehr Wolkenkratzer gebaut werden konnten, liegt übrigens am Öl, das in Alberta reichlich sprudelt. Und so haben die Öl- und Energieriesen Kanadas ihren Sitz in Calgary und bringen ordentlich Geld in die Stadt. So war dann auch die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 1988 kein großes finanzielles Problem – und eine Heerschar motivierter Freiwilliger gab es auch, der Stampede sei Dank.

Selbstverständlich habe ich mir auf die Stampede nicht entgehen lassen. Ich kam mir vor wie auf dem Hamburger Dom mit dem Unterschied, dass jeder außer mir Cowboyhut, Karohemd und Jeans trug. Die Rodeoshow, die zweimal täglich stattfindet, war mein erster Kontakt mit professionellem Bullenreiten. Und das war beileibe nicht die einzige Disziplin. Es ging auch ums Kälber einfangen mit dem Lasso, buckelnde Pferde und das Reiten von Ölfass zu Ölfass. Das war wirklich interessant aber vermutlich das letzte Rodeo, das ich besuche. Ob das den Tieren wirklich so gut tut wie überall behauptet wird finde ich zweifelhaft.

Banff

Von Calgary aus erreicht man die Rocky Mountains bequem mit dem Bus. Nach nur zwei Stunden Fahrt stand ich in Banff, der größten Stadt im gleichnamigen Nationalpark. Mit dem vom Busunternehmen bezahlten Taxi ging es dann für mich erstmal zum Tunnel Mountain Village I, einem Campingplatz mit knapp 700 Plätzen. Die nächsten 12 Nächte in den Rockies wollte ich im Freien verbringen. Auch wenn die Orte, die ich in den Rockies besucht habe, sehr touristisch, teuer und kitschig sind (das Whyte Museum of the Canadian Rockies ist dabei eine sehenswerte Ausnahme!), die Landschaft, die Berge, die Flüsse, die See, die Wälder sind einfach traumhaft. Das gilt insbesondere beim warmen Sonnenwetter, wenn der ganze Wald herrlich nach dem Harz der Nadelbäume riecht.

Lake Louise

Zwei Bergseen begründen den Ruhm des winzigen Örtchens Lake Louise: Der namensgebende Lake Louise und der Moraine Lake. Ersterer ist lag etwa 4 Kilometer von meinem Zeltplatz entfernt, zu letzterem musste ich dann noch einmal etwas mehr als 15 Kilomter wandern. Der Shuttlebus war mir zu teuer, sodass ich mir eine Fahrt sparen wollte. Per Anhalter wollte ich auch nicht von einem See zum anderen fahren und das war genau die richtige Entscheidung, da fünf Minuten vor meiner Ankunft am Moraine Lake die Regenwolken verschwunden waren und die Sonne wieder vom Himmel schien.

Das Wetter hat mir insgesamt betrachtet meinen Aufenthalt in Lake Louise und auch Jasper ein wenig mies gemacht: Regenschauer folgte auf Regenschauer, die Sonne kam so gut wie nie durch und es war meistens nur um die 10°C warm. Dennoch hätte es auch schlimmer kommen können. Immer pünktlich zum Zeltabbau war es sonnig und trocken, sodass ich meine Ausrüstung trocken wieder einpacken konnte.

Jasper

Drei Tage bin ich in Banff geblieben, vier in Lake Louise, in Jasper blieb ich dann fünf. Das Wetter wurde nicht besser, sodass ich viel Zeit hatte zum Kartenschreiben. Da ich im Rucksack keine Souvenirs mitnehmen kann, schreibe ich meinen Freunden und meiner Familie zu Hause von jedem Kontinent eine Postkarte. Pro Kontinent sind das um die 45 Stück. Das Ganze dauert immer einen Nachmittag und ich habe es langsam drauf, sie möglichst effizient zu schreiben: Als erstes werden die Karten gemischt, jeder bekommt also eine zufällige Karte. Dann folgen die Briefmarken, die Anschriften und in einem dritten Durchgang der Text. Der ist immerhin personalisiert ;)

Doch zurück nach Jasper im gleichnamigen Jasper Nationalpark. Traumhaft im Tal des Athabasca Rivers gelegen, umgeben vom Pyramid Mountain und The Whistlers sowie unzähligen türkisblauen Seen, bieten sich viele Möglichkeiten zu Tageswanderungen, die ich leider aufgrund des Regenwetters nicht alle wie geeplant wahrnehmen konnte. Aber so habe ich mich auf dem Campingplatz  im Geocaching ausprobiert, lange geschlafen und viel gelesen. Und wie die Fotos zeigen, habe ich dennoch viel von der wilden Schönheit der Rockies gesehen:

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Calgary geht es für mich morgen Nacht weiter an die Pazifikküste, nach Vancouver und Victoria. Um nach Vanccouver zu kommen muss ich hoffentlich zum letzten Mal den Nachtbus nehmen, etwas mehr als 14 Stunden werde ich unterwegs sein. Aber ich denke, das geht vorüber und die Vorfreude auf beide Städte gleicht das für mich vollkommen aus. In Victoria muss ich mich dann auch langsam einmal an die Planung meines US-Roadtrips machen, der im August in Seattle beginnt und Anfang September in Denver endet. Ich freue mich schon riesig darauf, selber mit dem Auto unterwegs zu sein, selber zu bestimmen wo ich hinfahre und wo ich Pause mache :D

Ohrwurm des Tages – Marilyn Monroe / „River of no Return“

Auf einmal war es da: Mitten in den Rockies kam mir ein Lied in den Sinn, das ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte. Es stammt aus einem 50er-Jahre-Western mit Marilyn Monroe und Robert Mitchum – und wie ich bei einem Blick auf den Wikipedia-Eintrag des Films festgestellt habe, wurde „Fluss ohne Wiederkehr“ damals im Banff und Jasper Nationalpark gedreht. Zufälle gibt’s!

Short and sweet

Calgarians are Cowboys and -girls. I visited Calgary during the Stampede, the biggest outdoor show in the world as they say. It is a mixture of a rodeo, an agriculture fair and an amusement park. Strange, bizarre but definitely a must see. From Calgary I travelled by bus to Banff, Lake Louise and Jasper in the Canadian Rocky Mountains, a landscape you have to adore. It is so beautiful, so majestic, so wild – it seems to be completely out of our world.