Puh, das ist wirklich eine schwere Frage, die sich mir gerade aufdrängt. Mehr dazu später im Kontext. Zunächst aber zurück zu meiner Reise durch Kanada und in die USA. Von Calgary aus ging es mit dem Greyhound-Bus nach Vancouver, Victoria und Seattle. Und diese Busfahrt hatte es wirklich in sich: In Australien ist Greyhound die Premium-Busfirma schlechthin. In Kanada (und wohl auch in den USA) hingegen ist es anscheinend gesellschaftlich verpönt, Bus zu fahren und nicht zu fliegen. Zwar gibt es einige hochwertige Shuttlebusse (zum Beispiel von Calgary nach Banff und Jasper oder zwischen Vancouver und Victoria), der allgemeine Überlandbusverkehr ist aber anscheinend denen vorbehalten, die wirklich keine andere Möglichkeit haben, von A nach B zu kommen.

Das fängt schon bei den Bus-Terminals an: In Calgary war dies ein etwas heruntergekommener 80er-Jahre Betonklotz am Rande der Innenstadt. Eine Stunde vor Abfahrt musste ich mich in eine Schlange einreihen und auf den Bus warten. Es gibt nämlich keine zugewiesenen Sitzplätze und die Busse werden von der Firma auch gerne einmal überbucht, sodass die letzten im Zweifelsfall nicht mit ihrem eigentlich gebuchten Bus fahren können und auf den nächsten warten müssen. Mein Bus hatte leider auch noch eine halbe Stunde Verspätung, sodass ich insgesamt 90 Minuten sinnlos in der Gegend herum stand. Im inneren sind die Busse dann okay, die WLAN-Verbindung unterwegs sogar hervorragend. Dennoch war ich sehr froh, als ich nach 15 Stunden Fahrt in Vancouver ankam.

Vancouver

Übermüdet von der langen Busfahrt – ich kann leider immer noch keinen Schlaf im Bus finden :/ – machte ich mich ersteinmal direkt auf den Weg zum Hostel in der Innenstadt, was mit dem Skytrain erfreulich fix und unkompliziert war: Einsteigen, Aussteigen, Ankommen. So konnte ich mich dann um meine Grundbedürfnisse kümmern, Nahrungsaufnahme und Schlaf.

Am nächsten Tag nutzte ich dann das herrliche Sommerwetter, um einen längeren Spaziergang rund um die Halbinsel zu unternehmen, auf dem Downtown Vancouver liegt. Angefangen habe ich dabei an der Dampfuhr in Gastown. Eine etwas bizarre Sehenswürdigkeit: alle 15 Minuten spielt die Uhr eine Melodie, die Pfeifen werden dabei durch Dampf zum klingen gebracht. Das Uhrwerk hingegen ist komplett elektrisch. Dennoch sind Heerscharen von Touristen davon begeistert. Naja. Selbes gilt für den Canada Place, eine Zeltdachkonstruktion direkt an der Waterfront, an der täglich neue Kreuzfahrtschiffe vor Anker gehen. Ganz nett aber nicht so wirklich der Hammer.

Umso mehr begeistert war ich vom Blick auf den Hafen, das Wasser und die Berge im Hintergrund. Direkt an der Waterfront starten und landen auch im Minutentakt die Wasserflugzeuge, die Vancouver mit Vancouver Island verbinden. So etwas hatte ich bisher noch nicht gesehen. Weiter ging es dann weiter die Waterfront entlang, das Wasser zur rechten und die Skyline Vancouvers zur linken Seite bis zum Stanley Park.

Diese riesige Grünfläche direkt an der Innenstadt wird so stark von Fahrradfahrern, Skatern und Fußgängern genutzt, dass auf dem neun Kilometer langen Rundweg um den Park herum Einbahnstraßenverkehr herrscht. Wie auch in Hamburg kann man hier den ganz großen Containerschiffen bei ihrer Einfahrt in den Hafen unter einer Hängebrücke hindurch ganz nah kommen. Und wie in Hamburg auch geht es in Vancouver generell recht entspannt zu. Auch gibt es einen Sandstrand mitten in der Stadt, bei gutem Wetter mit Blick auf Vancouver Island und all die Containerschiffe, die vor der Stadt vor Anker gehen.

Bei meiner Ankunft am False Creek, einer ziemlich langen und schmalen Bucht, waren meine Füße dann schon so erschöpft, dass ich das letzte Stück meines Weges mit der Hafenfähre zurück gelegt habe. An unzähligen Anlegern mit Yachten und Segelbooten vorbei und unter riesigen Brücken hindurch ging es dann bis zur Telus World of Science. Das Museum habe ich dann aber übersprungen und bin mit dem Skytrain zurück zum Hostel gefahren. Und dabei ist mir zum ersten Mal wirklich die Schattenseite Vancouvers aufgefallen: unzählige Obdachlose bevölkern Straßen, Plätze und Parks. Da habe ich mich schon gefragt, wie das in einem Land der Ersten Welt immer noch in dem Ausmaß der Fall sein kann.

Victoria

Die Vorzeichen für meinen Besuch in Victoria, der größten Stadt auf Vancouver Island, waren denkbar schlecht: Das Wetter war richtig mies. Es war so neblig, dass ich von der Fähre aus die wirklich nahen kleinen Inseln kaum ausmachen konnte. Und dann war da noch das Hostel: gebucht hatte ich ein 8-Bett-Zimmer, bekommen habe ich dann ein 44-Bett-Zimmer, in dem jeweils acht Betten durch einen Vorhang abgetrennt wurden. Das hat zwar die gefühlte Privatsphäre verbessert – Licht und Geräusche konnte der Vorhang allerdings nicht abhalten. Und so waren die Nächte im Hostel ziemlich unruhig. Es wurde so laut geschnarcht, dass ich die Vibrationen in meinem Bett spüren konnte. Da halfen dann auch die besten Ohrstöpsel nichts. Frühstück gab es übrigens auch, aber nur von 7:30 bis 8:30 Uhr. Aufgrund meiner Neigung zum langen Schlafen war ich nicht einmal rechtzeitig wach.

Dafür haben mich die lokalen Einkaufsmöglichkeiten begeistert. Da ich fünf Nächte in Victoria verbracht habe, hat es sich endlich einmal wieder gelohnt selber zu kochen. Und im Supermarkt gab es echt tolles frisches Gemüse zu günstigen Preisen. Eine Mango gab es für 0,99$ das Stück. Das ist ein Drittel des australischen Preises. Und dabei wachsen in Kanada noch nicht einmal Mangos. Weiterhin habe ich in einem Buchladen endlich einen Reiseführer für alle Nationalparks im Westen der USA gefunden, danach hatte ich schon vier Wochen gesucht. Und dann waren da noch die Spieleläden: Neben meinem Rennrad, meiner Familie und Freunden vermisse ich vor allem eins: Brettspiele. In Koblenz habe ich mich alle zwei Wochen für einige Stunden mit einem Spieletreff getroffen und auch sonst viel mit meinen Freunden gespielt. Und nach 6,5 Monaten unterwegs habe ich hier endlich wieder Läden gefunden, die sich auf gute, anspruchsvolle Spiele spezialisiert haben. Zugegeben, das hat mich  auch ein wenig melancholisch werden lassen. Hier eine kurze Einführung in mein absolutes Lieblingsspiel:

Da ich aufgrund des mittelmäßigen Hostels nur ziemlich mittelmäßig motiviert war, habe ich von Victoria selbst nur die Innenstadt und den Hafen gesehen. Das hat mir recht gut gefallen. Außerdem habe ich angefangen, die einzelnen Etappen für meinen Roadtrip durch die USA zu planen. Der beginnt morgen und ich freue mich da schon richtig drauf. Endlich kann ich selber bestimmen, wo ich hinfahre, und bin nicht auf Busfahrpläne und -haltestellen angewiesen ;)

Vancouver

Bei strahlendem Sonnenschein ging es dann nach fünf Tagen zurück nach Vancouver. Und sofort bei meiner Ankunft war auch mein Entdeckergeist wieder da. Gleich am Abend meiner Ankunft gab es ein grandioses halbstündiges Feuerwerk am Wasser im Süden Downtowns, das ich mir nicht entgehen lassen habe. Zuvor gab es ein traumhaft schönen Sonnenuntergang zu bewundern. Unglaublich viele Menschen und Boote waren unterwegs, um sich das Feuerwerk anzugucken, sodass ganze Straßenzüge gesperrt wurden, damit die Zuschauer sicher wieder nach Hause spazieren konnten. Denn in Downtown Vancouver lässt sich eigentlich jeder Punkt bequem zu Fuß erreichen. Und unterwegs sieht man auch immer wieder etwas Neues, sodass es sich richtig lohnt, einfach nur durch die Stadt zu spazieren.

Ein Ausflug führte mich über den False Creek nach Granville Island. Auf dieser kleinen, in einer Bucht gelgenen Insel gibt es tolles Essen, interessante Geschäfte und wirklich schöne Ausblicke auf Downtown. Deutlich anstrrengender war der folgende Tag, an dem ich auf den Grouse Mountain geklettert bin. 2.830 Stufen ging es bergauf, belohnt wurde man nicht nur mit einer tollen Aussicht, sondern auch mit einer Wanderung durch einen traumhaft duftenden Nadelwald. Da der Wanderweg sehr stark frequentiert wird ist er als Einbahnstraße ausgeschildert. Bergab ging es also mit einem vergünstigten Seilbahnticket.

Und damit war meine Reise durch Kanada auch schon vorbei. Mit einem etwas verspäteten Bus trat ich die Fahrt über die US-amerikanische Grenze nach Seattle an.

Seattle

Die Einreise in die USA ging unerwartet zügig und entspannt vonstatten: mit dem Bus sind wir am Grenzübergang einfach an der langen Autoschlange vorbeigefahren und schon habe ich meinen grünen Zettel ausgefüllt (bei der Landeinreise greift ESTA noch nicht), 6 US$ bezahlt und den nächsten Stempel in meinen Pass bekommen. Abgesetzt wurden wir mitten in Seattle, wo ich mit der Suche nach dem zentralen Bus-/Straßenbahntunnel ersteinmal ziemlich überfordert war. Der ist nämlich nicht gut ausgeschildert. Im Hostel durfte ich dann einen für mich ungewohnten und astronomischen Preis entrichten und mein kleines 4-Bett-Zimmer beziehen. In den großen US-Städten sind Hostels generell ziemlich teuer: Für das HI in San Francisco darf ich pro Nacht über 40$ zahlen – was aber im Vergleich zu den Hotelpreisen immer noch ein Schnäppchen ist. DIe USA sind halt kein typisches Backpacker-Land.

Seitdem man in Washington legal alle möglichen Cannabis-Produkte kaufen und konsumieren kann, riecht es eigentlich an jeder Ecke um das Hostel herum nach Gras. Die meisten Gäste im Hostel waren dann auch dementsprechend nur aus diesem Grund in Seattle, wurden aber nach einem Tag von Computerspielfans verdrängt: Hier findet gerade die offizielle DOTA2-Weltmeisterschaft statt und ich teile mir mein Zimmer mit einem Australier und zwei Argentiniern, die nur für dieses Event und diese eine Woche hierher geflogen sind.

Ich hingegen habe mir dann doch lieber die Stadt angeguckt und muss zugeben, dass ich ein wenig enttäuscht war. Im Vergleich zu Vancouver zieht Seattle aus touristischer Sicht eindeutig den kürzeren. Man kann zwar auch hier alles zu Fuß erlaufen, aber es fühlt sich für mich irgendwie nicht ganz so schön an wie auf der anderen Seite der Grenze Es gibt hier mehr Müll auf den Straßen und ganz im Allgemeinen wirkt hier alles ein wenig verwahrlost und heruntergekommen, bis auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten natürlich. Die Waterfront wird gerade umgebaut und von einer zweigeschössigen Schnellstraße direkt am Wasser dominiert. Das wirkt auch nicht so schön wie in Vancouver. Vermutlich erleidet Seattle gerade das selbe Schicksal wie auch schon Kuala Lumpur: Dem  Vergleich mit den Metropolen, die ich vorher besucht habe, können beide Städte nicht standhalten. Dennoch gefällt mir Seattle immer noch sehr gut.

Bei meinem Besuch des Wahrzeichens der Stadt, der Space Needle, wurde ich dann ein wenig sentimental. Das letzte Mal war ich im Jahr 2000 im zarten Alter von 14 Jahren mit meinen Eltern, meiner Schwester und meiner Tante hier. Verändert hat sich seitdem kaum etwas, lediglich die Beschilderung auf der Aussichtsplattform ist digitalisiert worden. Ob der Eintritt auch damals schon 27$ gekostet hat weiß ich nicht mehr. Generell finde ich die Museen und Sehenswürdigkeiten hier recht teuer: Für den Eintritt in Museen werden zwischen 20 und 30$ fällig. Auch die Preise bei Starbucks, Subway und 7/11 sind deutlich höher als noch in Kanada. Da ist es gut, dass ich mich morgen mit dem Auto auf den Weg mache: DIe Natur kostet nämlich nicht ganz so viel, nur die einmalige Nationalparkgebühr von 80$ ;)

Ohrwurm des Tages – Kris Kristofferson / „Me and Bobby McGee“

„Freedom’s just another word for nothing left to loose and nothing ain’t worth nothing but it’s free“ – für das Ich in dem Lied und Bobby McGee mag das genug sein. Ich hingegen merke, dass Freiheit alleine mir nicht reicht. Nach meinem zähen Austritt aus der Bundeswehr und den damit verbundenen Erfahrungen wollte ich nur eins: Möglichst weit weg, möglichst wenig Abhängigkeiten und möglichst unabhängig sein; kurz gesagt, möglichst frei von allem sein. Diese fast komplette Freiheit auf dieser Weltreise hat mir glücklicherweise genug Zeit zum Nachdenken und Einordnen gegeben. Ich bin beispielsweise nicht mehr halb so zornig auf alles und jeden, wie ich es noch vor einem Jahr war. Und ich merke, dass ich eine komplette Unabhängigkeit von allem und jedem gar nicht will.

Denn mit jeder Beziehung im Familien- und Freundeskreis nimmt man sich zwar ein Stück Freiheit. Ich merke, dass ich meine Familie und meine Freunde ziemlich vermisse, ich also nicht komplett frei bin und es auch eigentlich nicht sein will. Sicher ist es eine große Freiheit, sich seine Abhängigkeiten selber auszusuchen, aber eine vollkommene hundertprozentige Freiheit hat man meiner Meinung nach nur als staatenloser Einsiedler ohne jegliche sozialen Kontakte. Und das ist ein Ideal dem ich nicht folgen kann und will.

Und dass ich mir dementsprechend wünsche, meine nächste Reise nicht komplett alleine zu verbringen, ist quasi die zweite wertvolle Erkenntnis meiner Weltreise. Die erste ist, dass Heimweh ab und zu ziemlich in Ordnung ist, zeigt einem das doch, dass zu Hause Familie und Freunde warten, die man vermisst und die einen vermissen. Und so egoistisch das klingt, vermisst zu werden ist ein ziemlich gutes Gefühl ;)

PS: Ich werde von jetzt an keine englische Zusammenfassung meiner Posts mehr erstellen, ich bin einfach zu faul und hoffe einfach, dass die Bilder für sich sprechen ;) / From now on, there won’t be an English summary of my posts anymore. I’m simply too lazy and feel that most of the pictures talk for themselves ;)